Die Geschichte des Fachdidaktikbereiches Bewegung und Sport

Die Universität Wien ist heute mit etwa 8 % Lehramtsstudierenden und einem Angebot von 26 Lehramtsfächern die weitaus größte Einrichtung zur Lehrer(innen)ausbildung in Österreich. Die Fachdidaktiken befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen den Fachwissenschaften, der Bildungswissenschaft und der Schulpraxis und sind institutionell in ganz unterschiedlichen Organisationseinheiten an der Universität verortet. Die Initiative „Entwicklung der Fachdidaktiken an der Universität Wien“ begann in den 1980er-Jahren. Diese wurde vom Vizerektorat für Lehre unter der Leitung von VR Ao.Univ.-Prof. Dr. Arthur Mettinger unterstützt, vom Senat auf der Grundlage des Universitätsorganisationsgesetzes (UOG ’93) genehmigt und schließlich in einem Phasenplan interuniversitär umgesetzt.

Ausgangssituation dieser Entwicklung war die breite Kritik „an einer überwiegend fachlich dominierten Lehrer(innen)bildung, die kaum zwischen einem Studium für das Fach und einem Studium für den Lehrberuf unterschied“ (Ecker, 2005, S. 15), und an der Tatsache, dass „den Fachdidaktiken bislang eine sichere institutionelle Basis für ihre Lehre und insbesondere auch für ihre Forschung [fehlte]“ (S. 13). 

Mit der Gründung des „Zentrums für das Schulpraktikum“ als interuniversitärer Einrichtung im Zuständigkeitsbereich des Rektors der Universität Wien im Jahre 1984 wurde die pädagogische Ausbildung der Lehramtsstudierenden neu verortet (Oswald, 1996). Damit wurde die Koordination von etwa 40 Fachinstituten mit den ihnen zu Grunde liegenden heterogenen Vorstellungen einer wissenschaftlich-pädagogischen (fachdidaktischen) Ausbildung notwendig. Mit Fachdidaktik wurde „eine Methodenlehre für das Fach“ assoziiert, die „als bloße Vermittlungsagentur für Forschungsergebnisse des jeweiligen Fachbereichs“ (Ecker, 2005, S. 17) fungieren sollte. Der Gedanke einer disziplinären Identität war trotz gemeinsamer institutioneller Anliegen und fachdidaktischer Fragestellungen nur marginal gegeben.

Schließlich konnten im Jahre 2006 an den Universitäten Wien und Klagenfurt spezifische Kompetenzzentren (AECC - Austrian Educational Competence Center) auf der Grundlage einer Vereinbarung der Universität Wien mit dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (im Jahre 2005) eingerichtet werden (vgl. http://aecc.univie.ac.at/ziele-und-aufgaben/). So wurde die Fachdidaktik für Physik, Chemie und Biologie an der Universität Wien etabliert und die Bereiche Deutschdidaktik, Didaktik der Mathematik sowie das Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung an der Alpen-Adria Universität in Klagenfurt wurden ausgebaut, mit dem Auftrag, im „Bereich des Lehrens und Lernens des jeweiligen Faches forschend, entwickelnd und beratend […] tätig zu sein“.

Die „Projektgruppe Fachdidaktik“ an der Universität Wien legte ab dem Jahr 2000 differenzierte Stufenpläne zur Stärkung der Fachdidaktiken vor. Die Etablierung und institutionelle Verankerung der fachdidaktischen Lehre und Forschung in eigenständigen Fachdidaktischen Zentren war vorrangiges Anliegen. Auf der Grundlage eines Senatsbeschlusses vom 23. Jänner 2003 wurde es schließlich formal möglich, „Fachdidaktische Zentren“ in den einzelnen Studienfächern zu gründen und an den Fakultäten und Zentren institutionell zu verankern. Als Beispiele für Gründungsveranstaltungen von Fachdidaktikzentren an der Universität Wien können angeführt werden: FDZ Deutsch (November 2006), FDZ Englisch (Juni 2007), FDZ Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung (Juni 2007), FDZ Informatik (Jänner 2009), FDZ Geografie und Wirtschaftskunde (Mai 2009), FDZ Psychologie und Philosophie (April 2010).

Das Fachdidaktikzentrum „Bewegung und Sport“ wurde am 24. Mai 2007 im Rahmen der wissenschaftlichen Tagung „Sportdidaktik leben – Menschen bewegen. Wege sportdidaktischer Kompetenz“ am Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport an der Universität Wien feierlich eröffnet und Ao. Univ.-Prof. Dr. Konrad Kleiner mit der Leitung beauftragt.

Nach der Begrüßung durch den Zentrumsleiter Univ.-Prof. Dr. Norbert Bachl skizzierte Vizerektor Ao. Univ.-Prof. Dr. Arthur Mettinger „Entwicklungslinien der integrierten Lehrer(innen)ausbildung an der Universität Wien“. Vor dem Hintergrund der europäischen Dimension der Lehrer(innen)ausbildung eröffnete sich eine Vielzahl an inhaltlich wichtigen Fragen: „Wie sieht die zukünftige Ausbildung für Studierende des Lehramts im Unterrichtsfach ‚Bewegung und Sport‘ nach der Umstellung auf die europäische Studienarchitektur (Bachelor, Master) aus?“, „Welche Bedeutung hat die Sportkunde an den Schulen in Österreich?“, „Wie wird der Unterricht ‚Bewegung und Sport‘ aus der Sicht der Fachinspektion beurteilt?“, „Welche fachdidaktischen Konzepte stehen den Lehrerinnen und Lehrern zur Verfügung, um den Sportunterricht lehrplankonform umzusetzen?“ oder „Wie steht es um die Zukunft des Unterrichtsfaches ‚Bewegung und Sport‘?“ - Fragen, die uns aus sportdidaktischer Sicht interessieren. Es sind Fragen, die im Rahmen der Tagung durch folgende Referate thematisiert und zur Diskussion gestellt wurden:

  • Univ. - Prof. Dr. Günter Stibbe (Karlsruhe):
    "Viele Wege, viele Ziele? Fachdidaktische Konzepte in Diskussion"
  • Ao. Univ. - Prof. Mag. Dr. Rudolf Stadler (IFFB - Salzburg):
    "Endlich reden wir (didaktisch) über Bewegung und Sport!"
  • MR Mag. Dr. Sepp Redl (bm:bkk):
    "Harte Zeiten für weiche Fächer! - Sportdidaktik und Rahmenbedingungen"
  • FI Mag. Dr. Martin Molecz (Wien):
    "Die Schulinspektion kommt: Sportdidaktik und Schulaufsicht"

 

Durch Video-Clips, Tanzperformance, Podiumsdiskussion, Buchausstellung, ... wurden die Themen der Tagung vielfältig inszeniert. Ein Buch zum Thema der Tagung „Inszenieren, Differenzieren, Reflektieren: Wege sportdidaktischer Kompetenz“ (Kleiner, 2007) mit 29 Beiträgen wurde präsentiert, es liefert differenzierte Hinweise zur Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern im Unterrichtsfach "Bewegung und Sport" am Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport der Universität Wien. Die Fachdidaktik „Bewegung und Sport“ kann als die Berufswissenschaft der Lehrer/innen im Unterrichtsfach ‚Bewegung und Sport‘ bezeichnet werden. Diese kann sehr unterschiedlich verstanden und gestaltet werden. Als eigenständiger Teil der Sportwissenschaften steht das Unterrichtsfach und die Fachdidaktik „Bewegung und Sport“ (Bewegungs- und Sportdidaktik) vor Legitimationsproblemen. Sie werden kontinuierlich in Frage gestellt und damit in Bezug auf aktuelle schul- und gesellschaftspolitische Funktionen überprüft.

Als organisatorische Einheit zwischen Fakultäten und Zentren haben sich im letzten Jahrzehnt Forschungsplattformen an Universitäten etabliert mit dem Ziel, „innovative fächerübergreifende (interdisziplinäre) Forschungsvorhaben“ zu initiieren. Aktuell werden an der Universität Wien 18 Forschungsplattformen auf der Grundlage eines internationalen Begutachtungsverfahrens, nach Anhörung des Scientific Advisory Boards und mit Zustimmung des Rektorats, gefördert. Die im März 2009 vom Rektorat genehmigte Forschungsplattform „Theorie und Praxis der Fachdidaktik(en)“ bildet einen wichtigen (Zwischen-)Schritt einer kontinuierlichen institutionellen Entwicklung zur inhaltlichen Stärkung der Fachdidaktik(en) an der Universität Wien, an der das Fachdidaktikzentrum „Bewegung und Sport“ inhaltlich Anteil nimmt und strukturell verankert ist.

 

Literatur

Ecker, A. (Hrsg.). (2005). Fachdidaktik im Aufbruch. Zur Situation der Lehramtsstudien an der Universität Wien. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang.

Kleiner, K. (2007). Inszenieren, Differenzieren, Reflextieren: Wege sportdidaktischer Kompetenz. Purkersdorf: Hollinek. 

Oswald, F. (1996). Das Zentrum für das Schulpraktikum der Universität Wien. In F. Oswald & M. Hämmerle (Hrsg.). Interaktion. Universität und Schule in der gemeinsamen Aufgabe der Lehrerbildung (S. 8-18). Wien.